Geschichte

Hettenleidelheimer Theatergeschichten

Passionsspiele ziehen „Tausende" an

Vor rund vierzig Jahren spielten Kirchenchor und katholische Jugend gerne Theater


Vor vierzig Jahren, im Jahr 1959, hob sich der Vorhang in der Gemeindefesthalle: Die „Laienspielschar der katholischen Jugend", wie es damals in der Rheinpfalz hieß, spielte am 15. März das biblische Parabelspiel „Der verlorene Sohn“. Es gibt am Nachmittag eine Kindervorstellung, am Abend ist dann die eigentliche Premiere: Die Halle, meldet die Zeitung, ist bis auf den letzten Platz besetzt, weswegen das biblische Stück am darauffolgenden Sonntag wiederholt wird. Mancher Ältere dürfte sich - als Zuschauer oder Mitwirkender - an diese Aufführungen erinnern; wir bilden die am 18. März 1959 erschienene Besprechung in der Rheinpfalz ab.

Überhaupt ist in den Jahren nach dem Krieg, als es das Fernsehen als allgemeine Abendunterhaltung noch nicht gab oder es noch in den Kinderschuhe steckte, in Hettenleidelheim viel Theater gespielt worden. Zunächst ist es der katholische Kirchenchor St. Peter, der nicht nur sängerische, sondern auch schauspielerische Qualitäten entdeckt: „Die Spielgruppe brachte das Volksstück „Die Förster-Anni“ zur Aufführung, das durch zahlreiche Gesangseinlagen eine schöne Umrahmung erfuhr", schreibt die Zeitung am 25. November 1952, und sie ist des Lobes voll: „Flott, frisch und urwüchsig gestalteten die Mitwirkenden ihre Rollen und zeichneten sich durch gute Aussprache und natürliche Haltung aus. Der herzliche Beifall der Zuschauer galt auch dem Chorleiter und Regisseur Kurt Bayer, der nicht nur das Spiel ausgezeichnet lenkte, sondern die Sänger und Sängerinnen zu bemerkenswerten gesanglichen Leistungen anzuspornen verstand."


Der Chor, heißt es weiter, überbrückte die Pausen zwischen den Akten mit Liedvorträgen. Dreimal wurde die „Förster-Anni" gegeben, genauso wie im Jahr darauf - statt der „geplanten Operette" - das „zeitnahe Volksstück „Heimweh nach Deutschland“ von A.W. Pannek", wieder unter Leitung des „unermüdlichen Chordirigenten Otto Bayer". Die Zuschauer seien „von den Leistungen der einheimischen Spieler angesprochen" gewesen. Der Reinerlös kam dem Orgelbau zu Gute: „Die Kirchengemeinde, die in knapp zwei Jahren ein neues Priesterheim baute, den Kirchturm vollständig erneuerte und sechs neue Glocken anschaffte, wird auch ebenso tatkräftig an die Anschaffung der Orgel und die Vergrößerung der Sängerempore gehen", heißt es weiter.


Später bildet sich um Hans Becker der Laienspielkreis der katholischen Jugend, der 1959 den erwähnten „Verlorenen Sohn" auf die Bühne stellt. Zwei Jahre später, im März 1961, fahren dann eine Woche lang aus der ganzen Umgebung abends Sonderbusse nach Hettenleidelheim, das für einige Tage zu einer Art KleinOberammergau wird: 60 bis 70 Laienschauspieler, so berichtet die Rheinpfalz, verbanden sich mit der aus Freiburg stammenden Familie Faßnacht, die seit Jahrzehnten Passionspiele aufzuführen pflegte.


Redakteur Karl Sander fuhr damals von Grünstadt nach Hettenleidelheim, um über die Proben zu berichten und mit dem „weltberühmten Christus-Darsteller Georg Faßnacht" zu sprechen - und kam aus dem Staunen nicht heraus: Im „Deutschen Haus", damals noch Wirtschaft, trifft er einen Herrn Faßnacht mit bereits graumelierten Haaren, der aber gar nicht der Christusdarsteller ist, sondern an seinen Vater in der Gut-HeilHalle verweist. Sander wundert sich: „Seinen Vater, denkt man? Hat man sich nicht verhört? Und dann ist man von ohrenbetäubendem Lärm in der Turnhalle umgeben. Ein schlanker Herr im weißen Kittel gibt Anweisungen für die Bühneneinrichtung. Er packt kräftig mit zu. Hans Becker, der schauspielerisch begabte Leiter der Laienspielgruppe Hettenleidelheim, macht uns bekannt. Hans Becker wird gebeten, die Proben weiter vorzubereiten."


„Dieses Freiburger Passionsspiel wird nun in der fünften Generation unserer Familie aufgeführt", erfährt Sander. Georg Faßnacht spielt den Christus seit 1904, zu diesem Zeitpunkt also bereits 55 Jahre lang. „Und nun ist uns vielleicht auch die Frage nach Ihrem Alter gestattet, Herr Faßnacht!" - „Ich stehe im 78. Lebensjahr." Erstaunlich. Faßnacht hat „eine Vitalität erhalten, die bewundernswert ist". Von morgens bis abends leitet er die Proben. Es ist ein Großprojekt: „Hochaufgereckt steht der 78jährige Christusdarsteller auf der Bühne, elastisch und wendig wie ein Junger. Hans Becker, den er einst in Limburg kennenlernte, ist ihm ein treuer und zuverlässiger Gehilfe. 23 Sprechrollen haben Mitglieder der katholischen Laienspielschar übernommen. Und Georg Faßnacht ist bewegt und gibt seiner Bewunderung über das innere Mitgehen dieser Spieler unverhohlen Ausdruck." Zu den 23 kommen die fünf Darsteller der Familienbühne, die im Krieg ihr Theater in Freiburg verloren hat und seitdem durch Europa zieht. Der Kirchenchor unter Otto Bayer singt PassionsChoräle von Händel, Bach und Haydn.


Zu den Aufführungen kommen „mehrere tausend Besucher", es müssen zwei Sondervorstellungen angesetzt werden.


Am Ende sagt Faßnacht gerührt: Das Zusammenwirken mit der Laienspielschar habe zum ersten Mal seit Jahren eine so großdimensionierte und wirkungsvolle Aufführung ermöglicht. „Auch an anderen Orten hätte man mit Statisten gearbeitet. Es sei aber in den seltensten Fällen möglich gewesen, Spieler für Sprechrollen zu gewinnen. Daß dadurch viele Szenen nicht recht zur Wirkung kamen, sei verständlich", schreibt die Rheinpfalz am 29. März 1961. Und Faßnacht setzt hinzu, daß es für ihn aus Altersgründen wohl keine Wiederholung dieses Großereignisses in Hettenleidelheim geben werde. Das Fazit: „Für die Freiburger Passionsspiele, die in den letzten Wochen in vielen Städten oftmals vor leeren Stühlen spielen mußten, war das Gastspiel in Hettenleidelheim ein erfreulicher Abschluß der Wintersaison."


Roland Happersberger


Quelle: Rheinpfalz-Artikel im Archiv Karl Blum, Hettenleidelheim

Aus den Anfängen des VfR

Als man dem Prinzregenten eine Linde pflanzte

"Gestern Abend führten die Mitglieder des hiesigen Turnvereins zum Besten ihrer in diesem Jahr zu erbauenden Turnhalle eine Theatervorstellung auf, welche den Betrag von 50 Mark ertrug", schrieb die Grünstadter Zeitung am 2. Januar 1899. Gemeint ist der Hettenleidelheimer Turnverein "Gut Heil", als dessen Nachfolger sich der VfR versteht. Der Verein war damals genau 20 Jahre alt, und schon bei früheren Generalversammlungen war von Theaterrequisiten die Rede. Das Spiel auf den Brettern, die für einige Abende die Welt bedeuten, begleitete den Verein - mit Unterbrechungen - also ziemlich von Anfang an.


Doch wie war dieser Anfang? Was ist heute über die ersten Vereinsjahre noch herauszufinden? Die Grünstadter Zeitung lässt uns im Stich - einfach deshalb, weil sie erst 1886 zu erscheinen begann. Eine Lokaltageszeitung für Hettenleidelheim gab es vorher wahrscheinlich nicht, oder sie ist nicht überliefert. Auch die Überlieferung im Verein selbst ist dünn:

"Es finden sich keine vergilbten Blätter und Dokumente mehr, keine Annalen und Protokolle, aus denen die Geschichte des Turnvereins Gut Heil 1879 Hettenleidelheim nachzulesen wäre. Zweimal hat diesen Verein das Mißgeschick getroffen, daß seine sämtlichen schriftlichen Dokumente der Vernichtung anheimfielen. Einmal, im Jahre 1910, als ein geisteskranker Bruder des damaligen Schriftführers alle vorhandenen Schriftstücke, Bücher und Protokolle zerschnitzelte und zerkleinerte, und das andere Mal, als nach der unter politischem Druck erfolgten Auflösung des Vereins im Jahre 1935 ein auswärtiger Pächter der Turnhalle hemmungslos alles noch vorhandene Vereinsinventar, auch Bücher, Akten und Protokolle, vernichtete," schreibt Karl Blum, der dennoch in den 50er Jahren noch einiges aus mündlicher und schriftlicher Überlieferung zusammentragen konnte.

Dass in den Jahren nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71, der zur Gründung des Zweiten Kaiserreichs geführt hatte, Turnvereine entstanden, war keine Besonderheit Hettenleidelheims. Schon von den Zeiten des Turnvaters Jahn an war der Zweck der Leibesertüchtigung mit nationalistischmilitärischen Gedanken eng verbunden gewesen; letztere nahmen nun einen bedeutenden Aufschwung. "In dem damaligen Kanton Grünstadt bestand nur in der Kantonsstadt selbst ein Turnverein. Im Jahre 1878 erfolgte die Gründung eines gleichen Vereins im benachbarten Eisenberg. Im Kanton Grünstadt war Hettenleidelheim mit damals rund 1100 Einwohnern die erste Landgemeinde, die mit der Gründung eines Turnvereins im Jahre 1879 dem Vorbild Grünstadts und Eisenbergs folgte", schreibt Blum. Schon vorher war auf einer Wiese in den sogenannten Webergärten an der Mittelhaide geturnt worden, jedoch in ganz unorganisierter Form und mit improvisierten Turngeräten.


Am Anfang beim „Granobel"


Karl Blum berichtet weiter: „Gegenüber dem heutigen Rathaus, etwa auf dem Hofplatz des Hauses Hauptstraße Nr. 52 (Unterländer-Hock) befand sich damals noch eine kleine Schankwirtschaft. Der Volksmund hieß den Wirt, Matthias Hagenburger, den Granobel (von dem französischen grand noble = Hochvornehmer). In dieser Gastwirtschaft erfolgte im Jahre 1879 die Konstituierung des Vereins.

25 junge Männer traten sofort bei. Der erste Turnrat setzte sich aus den Mitgliedern Johannes van Recum, Georg Hillenbrand, Peter Stiefenhöfer, Leonhard Scheuermann, Nikolaus Herrmann, Adam Rempel und Johannes Kany zusammen. Vom Jahre 1880 an übernahm der tatkräftige Christian Hoffmann (1860-1925) die Leitung des jungen Vereins." Seit 1881 wurde im Garten des "Grünen Baums" geturnt, bis zum Turnhallenbau in den 20er Jahren.

Der Verein schickte schon kurz nach der Gründung eine Riege zum Kreisturnfest in Neustadt. „Abgesandte besuchten die Versammlungen des Pfälzischen Turnerbundes in Kusel. Auf dem Wittelsbacher Fest am 25. September 1880 konnte die schmucke Turnermannschaft mit einem rührigen Tambour antreten. Das erste örtliche Turnfest fand am 15. Mai 1881 statt. Die Turnerschar vermehrte sich zusehends. Am 5. August 1883 war der Hettenleidelheimer Verein auf dem 2. Oberrheinischen Kreisturnfest zu Neustadt/Haardt mit dem 18. Preis hinter dem Bruderverein Zweibrücken im Vereinswettturnen erfolgreich", berichtet Karl Blum von frühen Aktivitäten. Die Grünstadter Zeitung nennt weitere: 1886 ist beispielsweise in Kirchheimbolanden das 25-jährige Stiftungsfest des dortigen Turnvereins. Der Turnverein Hettenleidelheim erringt beim Wetturnen immerhin den dritten Preis. 1887 ist man beim Gruppenturnen des Grünstädter Turnvereins dabei, im gleichen Jahr beim zweiten Stiftungsfest des 1885 gegründeten Wattenheimer Bruder Vereins.


 „... und war sofort tot"


Die Turner sind auch mit unerfreulichen Ereignissen konfrontiert: "01.07/02.07.1887: Wie wir soeben hören, verunglückte gestern Abend in Hettenleidelheim in der Tongrube Herrmann durch den Einsturz einer Erdmasse ein 24 jähriger unverheirateter Tongrubenarbeiter, Michael Fürst, und war sofort tot", berichtet die Grünstadter Zeitung und hebt den Dank der Hinterbliebenen für "erhebenden Trauergesang des Gesangsvereins und Teilnahme des Turnvereins" hervor.

1888 beschließt der Hettenleidelheimer Turnverein "die Anschaffung einer Vereinsfahne", die Anfertigung wird dem Stickereigeschäft L. Albrecht, Kaiserslautern, anvertraut. Die Fahnenweihe gerät zu einem großen, allerdings durch schlechtes Wetter gestörtem Fest (über welches im Programmheft des Vorjahres ausführlicher berichtet wurde).

Am 5. Juni 1889 meldet die Zeitung: "Zufolge kürzlich gefaßten Beschlusses wird das 4. Bezirksturnfest des 3. Bezirks (Kirchheimbolanden) am 7. Juli dieses Jahres dahier stattfinden und werden die Einladungen hierzu bereits in den letzten Tagen an die betreffenden Vereine versandt." Geplant sind: Musikalischer Zapfenstreich, Abendkonzert, Festball, Musikkapelle des 17. Infanterie-Regiments Germersheim. Vereins- und Einzelturnen, allgemeine Übungen, Kürturnen, Konzert, Festzug. Rund 20 Turnvereine beteiligen sich. Das Wetter ist herrlich, Im Dorf wehen Flaggen in bayerischen und deutschen Farben, um acht Uhr ist Gottesdienst für die Turner. Beim Vereinsschauturnen erhalten Kirchheimbolanden, Grünstadt und Eisenberg Preise I. Klasse. Hettenleidelheim und sieben andere Vereine Preise II. Klasse. Natürlich hält der Vorstand, Kaufmann Christian Hoffmann, auf dem eigens hergerichteten Festplatz eine Rede, und zum Abschluss gibt es einen Ball bis in die Morgenstunden.


 „... verbunden mit Zöglingspreisturnen"


Aber auch ohne auswärtige Gäste lässt sich's angenehm feiern. Am 10. September 1891 verkündet ein Zeitungsinserat: "Sonntag, den 13. September, Nachmittags 3 Uhr, veranstaltet der Turnverein Hettenleidelheim auf dem Turnplatze im Garten des Wirtes J. Kany ein locales Turnfest, verbunden mit Zöglingspreisturnen, wobei eine Militärkapelle concertieren wird. Im Namen des Turnvereins: Der Vorstand."

Ein Blick auf eine für jene Tage, als die Pfalz noch bayrisch war, typische Festlichkeit soll diesen Blick in die Frühzeit des Vereins beschließen. Gefeiert wurde - überall - am Sonntag, 12. März 1893, der Geburtstag des allseits verehrten Prinzregenten Luitpold, der anstelle des verrückten Königs Otto über Bayern herrschte.

Alle Vereine, alle Bevölkerungskreise sind an dieser Feier beteiligt. Schon um 6 Uhr ist Tagreveille (Aufwecken), es folgen Festgottesdienst und Festzug, in ihm marschieren Krieger- und Soldatenverein, Turnverein, Jünglingsverein. Eine neue Luitpoldlinde wird gepflanzt - auch das ein damals verbreiteter Brauch. Bedauerlicher Weise war die 1891 gepflanzte erste Luitpoldlinde eingegangen. Peter Herrmann hält die Festrede.

Im prächtig geschmückten Saal Mayer (später "Deutsches Haus") gibt es eine interne Feier. Dann folgt ein Konzert, abends ein Bankett. Es sprachen Christian Hoffmann, der Turnvereinsvorsitzende, außerdem Peter Herrmann, Leonhard Seidel und Nikolaus Herrmann. Man sendet ein Glückwunschtelegramm an Seine Königliche Hoheit, den Prinzregenten. Und selbstverständlich bringt man Toaste auf den verehrten Landesvater Luitpold, das Haus Wittelsbach, den fernen preußischen Kaiser, den Soldatenverein, Bayern und die Pfalz aus.


ROLAND HAPPERSBERGER

Notizen aus den 1890er Jahren

Von Roland Happersberger 


Daß der Turnverein „Gut Heil", der Vorgänger des VfR, genau vor 100 Jahren bereits Theater gespielt hat, geht aus einer Notiz in der damaligen „Grünstadter Zeitung" hervor: „In der am 26.1. (1898) stattgehabten ordentlichen Generalversammlung des hiesigen Turnvereins" (er hatte damals 108 Mitglieder) wird beim Kassenbericht folgendes festgestellt: „Kassenbestand: 581,20 Mark, Wert an Turn- Theater- und sonstigen Requisiten: 1.158,10 Mark, ergibt insgesamt einen Betrag von 1.739,30 Mark." Wo Theaterrequisiten vorhanden sind, da wird sicher auch Theater gespielt, und tatsächlich schreibt dieselbe Zeitung am 2.Januar 1899: „Gestern Abend führten die Mitglieder des hiesigen Turnvereins zum Besten ihrer in diesem Jahr zu erbauenden Turnhalle eine Theatervorstellung auf, welche den Betrag von 50 Mark ertrug." 


Wir hätten gern eine Schilderung, was da geboten wurde, wie viele auf der Bühne standen, mit wieviel Geschick sie ihre Rolle meisterten - aber da läßt die Zeitung uns im Stich, ausfuhrliche Kulturbesprechungen wie heute in der „Rheinpfalz" waren nicht üblich. Es kann auch nicht gesagt werden, ob die Hettrumer in diesen Jahren anfingen, selbst Theater zu spielen, oder ob es das schon vorher gegeben hat. Wie es denn überhaupt sehr viel Arbeit wäre, eine vollständige Hettenleidelheimer „Theatergeschichte", wenn man die Schul- und Vereinsaufführungen so nennen darf, zu schreiben. Die Grünstadter Zeitung erscheint erstmals im Frühjahr 1886, wenn vorher Theater gespielt wurde, dürfte das kaum irgendwo notiert worden sein. 


1891 ist das erste Jahre - nach den im Heimatmuseum verwahrten Auszügen Karl Blums - in dem die Zeitung Hettenleidelheim im Zusammenhang mit Theater erwähnt. Die Wandertheatergruppe Julius Süßenguth aus Zweibrücken, die den Sommer über in Grünstadt gastiert, spielt am 11 Juni im Saale Kany „Der Hüttenbesitzer", ein Schauspiel von G.Ohnet, über das man heute nichts mehr weiß, und am Sonntag, 19.6.1891, interessanterweise erst ab 21 Uhr „'s Lorle, oder: Dorf & Stadt", ein „häusliches Charaktergemälde in 5 Aufzügen" von Charlotte BirchPfeiffer. Die Birch-Pfeiffer war eine sehr populäre Autorin rührseliger Literatur, vergleichbar etwa der heute noch bekannten Hedwig-Courths-Mahler. Man kann sich aus dem Titel unschwer ausmalen, was da wahrscheinlich vorgeführt wurde: Die Unschuld vom Lande erlebt in der sündigen Stadt allerlei Verwirrendes. Laut Karl Blum war Hettenleidelheim der einzige Ort der Region, in dem die Süßenguthsche Truppe außerhalb Gamstädts auftrat. Man kann sich vorstellen, daß zu einer Zeit, in der noch kein Fernsehen jeden Abend allerlei Dramen servierte, derartige Aufführungen großen Zulauf hatten, und auch der Antrieb, selbst was Unterhaltsames auf die Beine zu stellen, größer war als heute. Und in der Tat gibt es aus jenen Jahren zahlreiche Berichte von bunten Abenden mit teilweise äußerst langwierigem Programm in den Sälen der Wirtschaften.


Damals bildete sich eine „Casino-Gesellschaft", was eine Art Unterhaltungsverein für den besseren Teil der Dorfgesellschaft gewesen sein dürfte. Ebenfalls vor präzis 100 Jahren, am 24.November 1898 „veranstaltete die hiesige Casinogesellschaft im Mayerschen Saale einen Familien-Abend, verbunden mit theaterlicher und musikalischer Aufführung. Zur Aufführung gelangte das 5-aktige Stück "Wie Studenten Schauspieler werden", welches von den jüngeren Mitgliedern der Casinogesellschaft sehr gut dargestellt wurde und daher auch lebhaften Beifall erntete."


Schon einen Monat später gibt es im Dorf wieder eine Theatervorstellung eigener Herstellung. Die Grünstadter Zeitung berichtet am 2. Januar 1899: „Bei der am 2.Weihnachtsfeiertage zum Besten des Kirchenbaufonds veranstalteten Theatervorstellung, bei welcher ein durch die hiesigen Schulschwestern mit Mitgliedern des Kindheit-Jesu-Vereins eingeübtes Stück zur Aufführung gebracht wurde, wurde der ansehliche Betrag von 158 Mark eingenommen, worauf bei der letzten Mittwoch stattgehabten Wiederholung der Aufführung noch einmal 48 Mark eingingen." Damals wurde die Kirche um Querschiff und Altarraum erweitert, die Grundsteinlegung war am Hubertustag 1898; fertig war der Kirchenbau 1901. Die Notiz zeigt, daß ein Theaterabend durchaus geeignet war, Geld zu verdienen.


Auch eine Art von Singspiel hat es gegeben, wie ein weltlicher Unterhaltungsabend des Cäcilienvereins, also des Kirchenchors, zeigt, wiederum nur vier Wochen nach dem zuletzt erwähnten Abend: Am Sonntag, 22. Januar 1899, „veranstaltete der hiesige Cäcilienverein im Saale des Herrn J. Mayer einen Familienabend mit Vocalkonzert. Einen Hauptbestandteil des Programms bildete ein größeres Gesangswerk "Die Heinzelmännchen", dessen Aufführung circa anderthalb Stunden in Anspruch nahm. Hierauf gelangten noch verschiedene Gesangspiecen mit Klavierbegleitung zum Vortrage und verlief so der Abend in schönster Weise. Möge der Verein immer weiter wachsen und gedeihen und so immer mehr eine Stätte eifriger Pflege des Gesanges und hierdurch eine Quelle reichen musikalischen Genusses für Mitglieder und Freunde werden." 



Schon erwähnt wurden die Schulschwestern. Daß sie auch weiterhin immer wieder junge Menschen - teilweise sehr früh - ans Theaterspielen herangeführt haben, geht aus dem Gemeinderatsprotokoll vom 9. April 1913 hervor. Es geht um Schulbänke für Kinderschule: „Die alten Bänke in der Kleinkinderschule sollen an den Meistbietenden versteigert werden. Der Erlös hieraus soll der Anschaffung neuer zweckentsprechender Bänke verwendet werden. (...) Für die Mehrkosten, welche bei Anschaffung neuer Bänke entstehen, haben sich die Schwestern bereiterklärt zu sorgen, indem sie ein Theaterstück aufführen und den Erlös hieraus der Gemeindekasse überweisen."

So ein Theater

Seit 125 Jahren immer wieder selbst gemacht


Man stelle sich einmal vor: aus geheimnisvollen, amtlichen, technischen, finanziellen, guten oder schlechten Gründen stellen die Fernsehsender aller Kanäle ihren Sendebetrieb ein. Es kommt auf einmal nichts mehr über die Mattscheibe, der Beamer kann nichts mehr an die Wand werfen außer den gebunkerten Videocassetten oder DVDs. Irgendwann werden auch diese Filme langweilig, weil zu oft gesehen, und Nachschub - das setzt unser Gedankenexperiment voraus - kommt auch nicht mehr aus den Videogeschäften oder dem weltweiten Inter-Netz. 


Was nun?

Irgendwo steht doch noch die Schachtel mit Mühle, Halma & Co. Hab ich nicht irgendwann mal Schach gespielt? Man könnte ja mal wieder was basteln: Vasen aus Peddigrohr oder sowas. Wer ist eigentlich unter der Woche in Hettrum in welcher Kneipe? Außerdem könnte man ja im Verein mal wieder mehr .... - oder in einem anderen Verein mal gucken, was die so machen. Ein Buch, ein Buch!? Aber dann gleich wieder eins??? 


Und: nimmt das Publikum die Abschaffung des Fernsehens hin? Oder wäre es der einzige Grund, der heute eine sofortige Revolution auslösen könnte? Genug der irrealen Spekulation.


Natürlich werden finanzielle Interessen der verschiedensten Art uns davor bewahren, dass ein bedeutender Wirtschaftszweig von heute auf morgen verschwindet. Aber das "Was wäre wenn?" kann vielleicht ein wenig bewusst machen, wieviel Zeit Menschen damit zubringen, nichts zu tun, sondern sitzend hinzunehmen, wie andere was tun. Nicht zu reden, aber zu hören, was andere sagen - ohne die Chance einer Antwort.


Der Bildschirm leuchtet auf, die Fernbedienung zappt. Hier geht der Sohn auf den Papa mit der Pistole los, weil er sich vernachlässigt fühlt. Mord oder tränenreiche Versöhnung scheinen die einzigen Alternativen zu sein. Fünf Gewaltszenen in fünf Minuten sind keine Seltenheit, fünf öde Gesprächsrunden, in denen angebliche Fachleute in immer lebloserem, schablonenhafterem Deutsch unanschauliche Sachverhalte darlegen, auch nicht. Oder fünf schreiende, hysterische Comedy-Stars und Spaßmoderatoren. Oder fünf Familien von nebenan, in denen alles genauso ist wie bei uns, bloß viel interessanter. Weil wir ja, während bei denen was abgeht, bloß zugucken, wie woanders gelebt wird. Die Lindenstraße besteht nie darin, dass die Lindenstraßenbewohner lindenstraßenlang nur fernsehen. 


Dies scheint normal, selbstverständlich zu sein. Ist es aber nicht. Das Fernsehen sendet in Deutschland heuer erst seit 50 Jahren, und wer vor 100 Jahren, so er nicht mit Geld und Großstadt gesegnet war, fremde Schicksale kennenlernen wollte, musste lesen, lesen, lesen, den ganzen Tag den Kopf aus dem Fenster halten und mit dem vorbeispazierenden Dorf ratschen oder darauf warten, bis eine seltene und meistens schlechte Wanderbühne im Wirtschaftssaal Halt machte und eine Schmonzette, einen Schwank oder bestenfalls eine Operette zum besten gab. Die Illusion war gering, denn weder der Gasthaussaal noch die Situation der Wanderbühne ermöglichten es, auch nur einigermaßen realistische Kulissen aufzustellen. Gleichwohl: derartige Illusion blieb die Ausnahme. Doch da die Wirklichkeit im Erdengräberdorf hart und die Neugierde schon immer groß war, gab es auch schon immer Lust an Unterhaltung, Lust auf Theater. Es wurde kurzerhand selbst gemacht. Wer heute in den leider nicht sonderlich ergiebigen und kaum detailreichen Annalen blättert, ist überrascht, dass vor einem Jahrhundert fast jeder größere Verein im Winter Theater spielte. Auch wenn seine Zweckbestimmung eigentlich eine ganz andere war. Der Sportverein tat's und der 3 Kirchenchor. Die Schulschwestern inszenieren und der Schulleiter. Seltsamerweise hat in Hettenleidelheim ein Verein, der sich, soweit bekannt, offenbar nur der Hervorbringung unterhaltsamer Abende gewidmet hat, die Casino-Gesellschaft, nicht sehr lange bestanden.


125-jähriges Bestehen feiert der VfR in diesem Jahr, weil er sich als Rechtsnachfolger des alten Turnvereins Gut Heil versteht, der 1879 begründet wurde. 25 Mitglieder soll der anfänglich gehabt haben. Man beginnt zu turnen, entsendet erstmals Delegierte zur Turnerbundsversammlung in Kusel, sein Tambour führt die Aktiven zum Wittelsbacherfest, und schon am 15. Mai 1881 - der Turngedanke hat im Dorf "immer festeren Boden" gefasst - tritt der TV mit dem ersten Schauturnen an die Öffentlichkeit. Was nun? Ein wenn auch noch so bescheidenes eigenes Vereinsheim, wenigstens ein kleiner Turnplatz? Nein: "Jetzt wurde eine Theaterbühne angeschafft", berichtet eine anonyme KurzVereinsgeschichte, die 1925 zur Turnhallenweihe geschrieben wurde, und der Zusammenhang legt nahe, dass dies vor 1883 geschah, wobei nicht gewiss ist, ob dies eine genaue zeitliche Zuordnung ist. 


"In den kommenden Jahren konnte sich oftmals die Vereinskasse aus den rentablen Einnahmen aus wohlgelungenen Theatervorstellungen kräftig stärken", schreibt der Chronist weiter. Präzis, nämlich durch einen Zeitungsbericht in der "Grünstadter Zeitung", ist dies erst aus dem Jahr 1899 überliefert. Damals wollte der Verein eine Turnhalle bauen, und eine Aufführung zu Gunsten dieses Projektes brachte die damals ungemein ansehnliche Summe von 50 Mark ein, immerhin 2 1/2 Goldstücke. Seit 1994, so berichtete es 1953 das damals 84- jährige Ehrenmitglied Michael Herrmann dem Heimatforscher Karl Blum, sei jeden Winter für diesen Zweck zweimal gespielt worden. Theaterrequisiten diverser Art, so ein weiterer Bericht, waren vorhanden. 4 Der Turnhallenbau kam erst ein Vierteljahrhundert später zustande, Theater wurde aber weiter gespielt, nach dem ersten Weltkrieg auch vom konkurrierenden "roten" Turnverein TV Jahn und von einem Volksbildungsverein. Der TV Gut Heil spielte beispielsweise am 6. und 13. Februar 1927 das Operettenstück "Die Winzerliesel" (unser Bild aus dem Heimatmuseum). 


Gastspiele des Landestheaters Kaiserslautern in der Gut-Heil-Halle scheinen das eigene Schaffen freilich gedämpft haben: Ob der merkliche Qualitätsunterschied zwischen Profi- und Laientheater die Spielfreude schwächte, ob das Publikum sich lieber die professionelleren Theaterabende anschaute, ist nie erforscht worden.


Nach dem Zweiten Weltkrieg ist das Theaterspiel kirchlich: der Cäcilienverein bringt unter Otto Bayer sogar Operettenähnliches auf die Bretter, die die Welt bedeuten, dann sind bis in die frühen 60er Jahre religiöse Stoffe zu erleben - auch das liegt im Zug der Zeit, ist auf der Freilichtbühne in Katzweiler beispielsweise damals ganz ähnlich. 



Dann ist Spielpause. In allen Vereinen. Kein Laienspiel, kein Gastspiel, kein Kino. Ob es tatsächlich Zufall ist, dass sie mit dem Aufstieg des Fernsehens zur Abendunterhaltung Nummer eins zusammenfällt? Wahrscheinlich nicht. Es hat 5 bis 1996 gedauert, dass der VfR seine Theatertalente wieder unter Beweis stellt. Sicher, in der Nachbarschaft, in Neuleiningen und Wattenheim und natürlich in Altleiningen, aber dort gleichsam in der Oberliga, ist auch in den 1980er Jahren gespielt worden, aber in den letzten zehn Jahren schießen dörfliche Laienspielgruppen rundum fast wie Pilze aus dem Boden - und finden durchaus auch wieder ihr vergnügtes Publikum.


Warum?

Man weiß es nicht. Natürlich lässt sich spekulieren, dass sich eine zunehmende Verdrossenheit darüber, nur zu sitzen und in einen quadratischen Bild von 66 Zentimeter Maximalgröße zu starren, in vermehrter Lust am Selbertun artikuliert. Egal: die Bereitschaft und das Vergnügen daran, Rollen zu lernen, in eine fremde Haut zu schlüpfen oder aber das eigene Naturell unter dem Vorwand, dass es ja jemand ganz anderes ist, der auf der Bühne ein kurzweiliges Leben führt, hemmungslos auszuleben, ist da.


Und sie erfreut die Spieler, die Zuschauer, und - auch da hat sich in 125 Jahren Vereinsgeschichte nichts geändert - die Vereinskasse. So bleibt jetzt also, Ihnen viele vergnügliche Abende beim Werschtzibbeltheater zu wünschen: heute und in vielen kommenden Jahren. Und stellen Sie sich vor: das, was sie heute erleben, gibt es nirgendwo sonst. Ganz kleine Quote, ganz individuell...


Roland Happersberger


Quellen: Diverse Unterlagen im Heimatmuseum/Archiv Karl Blum Hettenleidelheim, das auch das Foto zur Verfügung stellte. Bild: "Zur Erinnerung an das Operettenst(ück) Winzerliesel am 6. u. 13. Febr. 1927 in Hettenleidelheim"

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