Geschichte des VfR Hettenleidelheim     von Joachim P. Heinz

Als sich im Jahre 1879 in der kleinen Schankwirtschaft des Matthias Hagenburger, dem „Granobel“, wie er im Volksmund hieß, gegenüber dem heutigen Rathaus sportinteressierte Hettenleidelheimer zusammenfanden, um im Geiste des „Turnvaters Jahn“ einen auf eine umfassende körperliche und sittliche Ausbildung und Erziehung des Menschen abzielenden Sportverein mit Namen „Turnverein Hettenleidelheim“ zu gründen, gehörten dem Pfälzer Turnerbund gerade mal 26 Vereine an. Im damaligen Kanton Grünstadt gab es nur in der Kantonshauptstadt Grünstadt selbst und – ein Jahr zuvor gegründet – in Eisenberg einen Turnverein. Hettenleidelheim hatte damals ca. 1100 Einwohner. 25 junge Männer traten sofort in den neuen Verein ein. 1880 übernahm Christian Hoffmann (1860-1925) die Leitung des bis dahin wohl von einem 7-köpfigen Turnrat geführten Vereins. Ein Jahr später verlegte man das Turngelände auf die Gartenwiese des Vereinsmitgliedes und Gastwirtes zum „Grünen Baum“ Johannes Kany.

Das Turnwesen nahm in den folgenden Jahren sowohl im Geräte- als auch im Volksturnen, wie man die Leichtathletik damals nannte, allen Ortens einen raschen Aufschwung, auch in Hettenleidelheim. Der Turnverein nahm an vielen auswärtigen Veranstaltungen teil; das erste Turnfest im Dorf fand bereits am 15.Mai 1881 statt.

1888, neun Jahre nach seiner Gründung, feierte der „Turnverein Hettenleidelheim“ ein herausragendes und bedeutendes Fest: die Fahnenweihe! Das Fehlen einer Wesen und Ziele des Vereins symbolisierenden Fahne hatte man, dem damaligen Zeitgeist entsprechend, lange Jahre schmerzlich vermisst. Am 1.Juli 1888 konnte die Fahne im Rahmen eines großen Turnfestes weihevoll ihrer Bestimmung übergeben werden. Das hervorragend organisierte Fest hat die Verantwortlichen des Pfälzer Turnerbundes wohl so beeindruckt, dass sie dem „Turnverein Hettenleidelheim“ die Ausrichtung des 4. Gauturnfestes im Jahre 1889 übertrugen.

Der Verein nahm im letzten Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts weiteren Aufschwung, das Angebot an die Dorfbevölkerung erweiterte sich; neben dem Geräteturnen (Reck, Barren, Pferd und Schwingel), Freiübungen und dem Volksturnen (heute Leichtathletik), entstanden weitere Abteilungen: Eine Sängergruppe übte den Chorgesang, eine andere Abteilung widmete sich dem Theaterspiel, die Aufführungen waren immer in der Weihnachtszeit; darüber hinaus unternahmen die Vereinsmitglieder Turnfahrten und Wanderungen in die nähere und weitere Umgebung; der Verein übernahm überdies – ganz im Geiste „Turnvater Jahns“ – Aufgaben der Kultur- und Volkspflege, organisierte Feste, Vorträge und andere Veranstaltung, die das kulturelle Leben im Dorf bereicherten und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärkten.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einer ersten schweren Krise im Vereinsleben: Eine Gruppe von Mitglieder, die sich der in diesen Jahren erstarkenden sozialistischen Denkströmung verpflichtet fühlte, trat aus dem Verein aus und gründete im Jahre März 1900 den Arbeiterturnverein „Frei Heil“ (später „Freie Turnerschaft“, danach Turnverein „Jahn“).

Dem Austritt lag wohl ein schon länger schwellender Konflikt zu Grunde: Im Verein hatte sich eine „sozialistische Fraktion“ gebildet, die unter Führung des aus Wattenheim stammenden Wilhelm Kollmannsperger, der gleichzeitig örtlicher SPD-Vorsitzender war, nach mehr Einfluss im Verein strebte. Bei der am 25.Januar durchgeführten Wahl zum Turnrat hatte diese Gruppe keinen ihrer Kandidaten durchgebracht, weshalb der Entschluss gefasst wurde, einen Arbeiterturnverein zu gründen. DerTurnverein Gut Heil 1879 blieb aber der weitaus größere Verein: Während dem neuen Verein 35 Personen beitraten, zählte der alte ein Jahr später 170 Mitglieder.

Der alte Verein änderte zur deutlichen Abgrenzung vom neuen seinen Namen in „Turnverein Gut Heil 1879, Hettenleidelheim e.V.“ ab. Der Vereinsarbeit tat die Abspaltung keinen nachhaltigen Abbruch. Am 16.Juni 1904 feierte der „Turnverein Gut Heil 1879“ sein 25-jähriges Bestehen in einem großen Festakt. An dem Jubiläumstag wirkten viele Gastvereine mit. Die Dorfbewohner schmückten ihre Häuser. Als Höhepunkte der Veranstaltung vermeldet die Lokalpresse Festumzug, Ball und Zapfenstreich.

Im Jahre 1905 wurde der Fabrikdirektor Peter Schwalb V. (1881-1960) zum Vorsitzenden gewählt. Er erwies sich in den folgenden Jahren auch als Mäzen des Vereins: Er finanzierte zahlreiche Turngeräte, zahlte den aktiven Turnern sogar Reisekostenzuschüsse für auswärtige Turnveranstaltungen.

Zu einem tragischen Unfall mit tödlichem Ausgang kam es im Jahre 1907: Der Verein beteiligte sich in diesem Jahr an den Feierlichkeiten zum 50. Gründungstag des Krankenunterstützungsvereins Hettenleidelheim. Der Turner Karl Schwalb (1887-1907) stürzte dabei so unglücklich vom Reck, dass er sich tödliche Verletzungen zuzog. Dem energischen Einsatz des Vereinsvorstandes ist es zu verdanken, dass den Eltern des verunglückten Turners vom Gauvorsitzenden der deutschen Turnerschaft eine Wirtschaftsbeihilfe von 1000 Mark gewährt wurde.

Das 30. Stiftungsfest des Vereins im Jahre 1909 wurde ähnlich glanzvoll gefeiert wie das 25-jährige Jubiläum. Die Feierlichkeiten umfassten alle erdenklichen Arten von Vorführungen, reichten von Gottesdienst, Totenehrung und Umzügen über Böllerschießen und andere Belustigungen bis hin zum festlichen Vereinsball. Aus Anlass des Stiftungsfestes schenkten die Gründungsmitglieder den „Zöglingen“ des Vereins eine gestickte Standarte.

In den folgenden Jahren nahmen Sportler des Vereins an vielen Gau- und Kreisturnfesten sowie an deutschen Turnfesten teil. Erst der 1.Weltkrieg markierte eine schwer wiegende Störung des Vereinslebens. Hettenleidelheim hatte bei Kriegsausbruch 2056 Einwohner; 571 Männer waren Kriegsteilnehmer; 121 Tote sind zu beklagen, davon waren 69 Mitglieder des „Turnvereins Gut Heil“. Ihre Namen sind auf einer Gedenktafel in der Turnhalle „Gut Heil“ verewigt.

Trotz der schweren Verluste, die der 1.Weltkrieg in die Reihen der Turner riss, kam das Vereinsleben nach dem Krieg bald wieder in Schwung, um in den 1920er Jahren sogar eine Blütezeit zu erleben: Die Turnabteilung bildete nach wie vor den Kern des Vereins; auf all ihren Wettkämpfen begleitete eine Trommlergruppe unter der Leitung von Johannes Scheuermann die Turner. Allein schon deshalb dürfte den „Hettrumer Turnern“ die Aufmerksamkeit und Bewunderung der Zuschauer sicher gewesen sein. Auch die schon vor dem Krieg gegründete Damenriege übte sich wieder, vornehmlich im Keulenschwingen und Stabturnen. Beliebt und erfolgreich war damals auch der Faustballsport. Eine neue Sportart war dagegen der Fußball, der seit 1919 im Verein ausgeübt wurde.

Über den Sport hinaus entwickelte sich ein vielfältiges Vereinsleben: Unter der Leitung des Dirigenten Robert Schwamm übten sich viele Vereinsmitglieder im Chorgesang; eine andere Abteilung, geleitet vom Lehrer Karl Graf,  inszenierte Theaterstücke. Der Verein unterhielt sogar im Sinne der Volksbildung eine gut sortierte Volksbücherei, Ausdruck des im ursprünglichen Sinne von Jahn entwickelten Volksbildungsgedankens.

Die Geschlossenheit des Vereins, die Bereitschaft der Mitglieder, für den Verein unentgeltliche Arbeit zu leisten, ermöglichte schließlich sogar die Realisierung eines lang gehegten Wunsches: der Bau einer vereinseigenen Turn- und Festhalle. Ein erster in den Jahren 1895-99 unternommener Versuch war gescheitert. Dieses Mal sollte das Werk gelingen. Ein Bauausschuss wurde gebildet, der schon bald entschied, die Turn- und Festhalle auf der damals völlig unbebauten Mittelheide zu errichten, dort wo die Turner wohl schon seit 1913 ihr Übungsgelände hatten. Eine Arrondierung des Vereinsgeländes war allerdings unabdingbare Voraussetzung. Die Vereinsmitglieder Nikolaus Herrmann und Andreas Fürst schenkten dem Verein Grundstücke, andere Hettenleidelheimer ließen sich zum Grundstückstausch überreden, sodass schließlich ein geeignetes Grundstück zur Bebauung zur Verfügung stand. Mit der Planfertigung beauftragte der Verein den Architekten Ketzer aus Grünstadt. Am 15.August 1921 wurde der Grundstein gelegt und – wie in Hettenleidelheim üblich – mit einem großen Fest gefeiert.

Die Spendenfreudigkeit der Bevölkerung und der heimischen Industrie war groß, sodass der aufgelegt Baufonds rasch wuchs. Doch noch bevor die Bauarbeiten beginnen konnten, kam es zu einem schweren Rückschlag: Infolge der Inflation des Jahres 1923 schmolz der Baufonds wie Schnee in der Sonne. Mit den Arbeiten konnte man erst 1924 unter schwierigen finanziellen Bedingungen beginnen. Die Bauleitung hatte der Architekt Ketzer, die Bauausführung übertrug man der Wormser Firma Paul Schmidt und Sohn GmbH.

Beispielhaft war der Einsatz der Vereinsmitglieder, die in Tausenden von Stunden unentgeltlich für ihreHalle arbeiteten. Beispielhaft auch die Unterstützung, die der Verein von den ortsansässigen Firmen erfuhr, ein Zeichen für das hohe Ansehen des Vereins im Dorf: Die Hettenleidelheimer Fuhrwerksbesitzer (Bauern und Gewerbetreibende) transportierten in mehr als 2000 Wagenfuhren Baumaterial und Geräte kostenlos vom und zum Hettenleidelheimer Bahnhof. Die Firma Friedrichsfeld, die in Hettenleidelheim einen Nebenbetrieb unterhielt, spendete alle Kanalisationsrohre; die Firma Nikol. Herrmann lieferte, nachdem sie schon 1921 eine großen Schuppen gebaut hatte, der bis zur Fertigstellung der neuen Halle als Behelf diente, kostenlos allen Sand. Größtmögliche Hilfestellung leistete auch die Firma „Pfälzische Tonwerke Hagenburger-Schwalb“. „Die Firma“, wie der Betrieb im Dorf anerkennend genannt wurde, lieferte nicht nur 180000 Backsteine kostenlos, sondern sie gestattete in großzügiger Weise, dass viele ihrer Werkseinrichtungen für den „Turnverein Gut Heil 1879“ genutzt wurden.

Zum Dank an all diejenigen, die den Verein in vielfältiger Weise beim Bau unterstützten, gab der Turnverein eine „goldene Chronik des Turnhallenbaus“ heraus, in der alle Helfer und Spender aufgeführt sind. Nach 1y Jahren Bauzeit konnte die Turn- und Festhalle „Gut Heil“ am 20.Juni 1925 im Rahmen eines großen Festaktes ihrer Bestimmung übergeben werden. Von da an bildete die Turn- und Festhalle für viele Jahrzehnte das kulturelle und sportliche Herz der dörflichen Gemeinschaft.

Dass die Lage zwischen den beiden im Ort konkurrierenden Sportvereinen immer noch angespannt war, dokumentieren Missstimmungen, die für das Jahre 1925 greifbar werden, als beide Vereine am selben Juniwochenende feiern wollen. Der Turnverein „Gut Heil“ will die Halleneinweihung, der TV „Jahn“ seine Hallengrundsteinlegung feiern. Schließlich weicht der Arbeiterturnverein „Jahn“ auf den Pfingstsonntag aus.

In den folgenden Jahren nahmen im Turnverein „Gut Heil“ die Leichtathletik, der Fußballsport und als neue Sportart im VfR der Schwimmsport einen großen Aufschwung. Dass es in Hettenleidelheim überhaupt die Möglichkeit dazu gab, ist der Initiative von Leonhard Hagenburger, Peter van Recum V. und Johannes Scheuermann, alle drei Vereinsmitglieder, zu verdanken, die 1928, zu einem Zeitpunkt als die nächsten Schwimmbäder in Kaiserslautern und Frankenthal zu suchen waren, die Wasserbaugenossenschaft „Volkswohl“ gründeten und in den Sauer- und Ochsenwiesen ein Freibad bauten. Für die damalige Zeit eine Sensation! Der Schwimmabteilung des Turnvereins „Gut Heil“ wurdennatürlich (!) Vergünstigungen eingeräumt, sodass der Schwimmsport einen raschen Aufschwung nahm. Das müssen die Verantwortlichen des Pfälzer Turnerbundes ähnlich gesehen haben, denn mit der Ausrichtung des Kreisschwimmfestes im Jahre 1930 übertrugen sie die Organisation dieses wichtigen Ereignisses zum ersten Mal einer Landgemeinde. Der inzwischen 580 Mitglieder starke „Turnverein Gut Heil 1879“ richtete denn auch ein beeindruckendes Schwimmfest aus, an dem Vereine aus der ganzen Pfalz sowie aus Baden und Hessen teilnahmen.

Dass die Vereinszugehörigkeit damals mit einer großen inneren Verbundenheit einherging und weitaus mehr bedeutete, als dies vielleicht heute der Fall ist, dokumentiert ein Kapitel der Vereinsgeschichte, das der heutige Betrachter eher mit Befremden zur Kenntnis nimmt: Am 14.05.1927 beschloss nämlich die Generalversammlung des Sportvereins die Gründung einer Sterbekasse. Von 1935 an wurde diese in der damaligen Zeit segensreiche Stiftung dann als selbstständige Einrichtung unter eigener Geschäftsführung weitergeführt.

1929 konnte der „Turnverein Gut Heil 1879“ sein 50. Gründungsjahr feiern. Auch dieses Mal war dies für den Verein Anlass, ein großes Dorffest auszurichten. Allein die auswärtigen Turnvereine schickten 800 Gäste, die sich an den Wettkämpfen und sonstigen vielfältigen Aktivitäten beteiligten. Im Rahmen der Festlichkeiten konnte man gar sieben Vereinsmitgliedern das „Goldene Jubiläumsabzeichen“ überreichen. Zusammen mit fünf neu ernannten Ehrenmitgliedern stifteten sie als Zeichen ihrer inneren Verbundenheit mit dem Verein für die 1888er Fahne eine kostbare Ehrenschleife.

Die Jubiläumsfeierlichkeiten markierten gleichzeitig eine Art Höhepunkt in der Geschichte unseres Vereins, denn die nachfolgenden 30er Jahre gestalteten sich für den Verein zunehmend schwierig. Vor dem Hintergrund der auch bis nach Hettenleidelheim ausstrahlenden weltweiten Wirtschaftskrise fiel es den Vereinsverantwortlichen nämlich von Jahr zu Jahr schwerer, den mit dem Hallenbau zusammenhängenden finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Die Einnahmen aus dem Hallenbetrieb und den Mitgliedsbeiträgen reichten zur Schuldentilgung gerade aus; kurzfristige Finanzlücken deckten die Mäzene der „Firma“ mit Überbrückungsdarlehen ab. Ohne die großen sportpolitischen Umwälzungen, die nun auch unser Dorf erfassten, wäre es dem Turnverein trotz der Wirtschaftskrise vielleicht auch gelungen, die finanziellen Klippen zu umschiffen, aber die Umorganisation des Sportwesens durch den nationalsozialistischen Staat bedeutete das Ende der alten Vereinsstruktur. Die verschiedenen Sportabteilungen wurden vom Verein gelöst. Durch die Einführung des Reichsarbeitsdienstes und der allgemeinen Wehrpflicht gingen viele Jugendliche dem Sportverein sehr früh verloren, sodass die sportlichen Aktivitäten enorm zurückgingen. Mit den verbliebenen „Restmitgliedern“ waren die finanziellen Lasten nicht mehr zu tragen. 1935 wurde der „Turnverein Gut Heil 1879“ von den Behörden aufgelöst. Die Turn- und Festhalle, das Vereinsgelände und das sonstige Vermögen wurde der Konkursmasse zugeschlagen. Von 1935-1943 stand das Besitztum des Vereins unter Konkursverwaltung. Vieles wurde versteigert bzw. von einem auswärtigen Hallenpächter – wie es der Heimatforscher Karl Blum nennt – „verludert“. Dem Einsatz des Johannes Scheuermann, Wirt zum „Grünen Baum“, ist es zu verdanken, dass wenigstens die Vereinsfahne der Konkursmasse „entzogen“ werden konnte. Da sich kein privater Interessent für die Halle fand, zwangen die nationalsozialistischen Behörden 1943 die Gemeinde, die Halle zu übernehmen und die Gläubiger im Rahmen eines Entschuldungsverfahrens abzufinden.

Um Johannes Scheuermann bildete sich bald eine Gruppe ehemaliger Vereinsmitglieder, die den Verein unter neuem Namen als „Turngemeinde Hettenleidelheim“ bis in den Krieg hinein fortführten. Der Zweite Weltkrieg brachte aber schließlich auch das Sportleben völlig zum Erliegen.

Doch schon bald nach Kriegsende regte sich im Dorf wieder der Wunsch nach sportlicher Betätigung. Was lag näher, als die alte und ehemals so erfolgreiche Tradition wieder aufzunehmen. Einige Vertreter des ehedem von den Nationalsozialisten ebenfalls aufgelösten Arbeiterturnvereins „Jahn“ Hettenleidelheim erhielten denn auch schon 1946 von der damaligen Besatzungsmacht die Erlaubnis, einen Sportverein zu gründen; das war die Geburtsstunde des „Allgemeinen Sportvereins Hettenleidelheim“ (ASV). Der Zulauf war groß, glaubte man doch im Dorf vor dem Hintergrund des Zusammenschlusses der „Deutschen Turnerschaft“ mit dem „Arbeiter- Turn- und Sportbund“ in Frankfurt zum „Deutschen Turnerbund“ zunächst noch diesem nationalen Vorbild folgen und alle sportbegeisterten Hettenleidelheimer in einemVerein zusammenführen zu können. Doch schon bald brachen die alten weltanschaulichen Gegensätze zwischen den „Christlich-Bürgerlichen“ und den „Sozialisten“, die schon 1900 zur Spaltung geführt hatten, wieder auf: Der Heimatforscher Karl Blum berichtet, dass „sich ein Großteil der Mitglieder von dem politisch einseitig orientierten Geist des Vereins (gemeint ist der ASV) abgestoßen“ fühlte. „Sie wollten turnen und Sport treiben, sonst nichts.“ (Blum 1969).

Obwohl die Fußballmannschaft, in der sich viele der alten Mitglieder des TV „Gut Heil“ zusammengefunden hatten, ein Auswärtsspiel in Kindenheim hatte, setzte der Vorstand des ASV, vielleicht durch die anstehenden Wahlen Veränderungen in der Vorstandschaft fürchtend, an eben diesem Sonntag des Jahres 1947 die Generalversammlung an, letzter Anstoß für die Fußballer, wenn auch nicht der innere Grund, sich vom ASV zu lösen und die Gründung eines eigenen Sportvereins anzustreben.

Der zuständige französische Besatzungsoffizier, Oberleutnant Schilling, genehmigte zwar die Vereinsgründung, drängte aber beide Sportvereine im März 1948 zum Abschluss einer Vereinbarung, in der beide Vereine ihre grundsätzliche Bereitschaft erklärten, sich nicht zu befehden und darauf zu achten, sich hinsichtlich des Sportangebots zu ergänzen.

Der neue Sportverein griff ganz bewusst die Tradition des 1935 von den Nazis aufgelösten „Turnvereins Gut Heil 1879“ wieder auf. Den alten Namen durfte der neue Verein aber nicht führen, denn unter der französischen Besatzungsmacht war das Turnen, das auch der Wehrertüchtigung dienen konnte, verboten. Deshalb gab sich der Verein den Namen „Verein für Rasenspiele (VfR), Hettenleidelheim“. Schon 1951, zwei Jahre nach dem Ende der Besatzungszeit, änderte der Verein seinen Namen in „VfR-Turnverein Gut Heil 1879 e.V., Hettenleidelheim“, womit auch im Namen deutlich wurde, das sich der Verein als Rechtsnachfolger des 1879 gegründeten ruhmreichen Turnvereins fühlte. In Verhandlungen mit der politischen Gemeinde erreichte der Vorstand, dass seinen Mitgliedern Nutzungsrechte an der Turn- und Festhalle zuerkannt wurden.

Der Schwerpunkt der sportlichen Aktivitäten lag allerdings inzwischen am nördlichen Ortsrand von Hettenleidelheim. Dort hatte sich der Verein 1948/49 in den „Neuwiesen“ an der Gaswerkstraße einen Sportplatz gebaut, den vor allem die Fußballabteilung intensiv nutzte. Im Jahre 1951 errichte man dort auch ein Vereinsheim, das von nun an das Zentrum des Vereinslebens sein sollte.

Die Bandbreite der Sportarten, die man im VfR betreiben konnte, war groß: Leichtathletik, Männer- und Frauenturnen, Schwimmen, Faustball, Tischtennis und nicht zuletzt Fußball, der sich zunehmender Beliebtheit erfreute.

Mit dem Aufschwung stellte sich auch wieder die „Turnhallenfrage“. Der Vorstand des VfR führte mit der Gemeinde intensive Gespräche über den unklaren Rechtsstatus, die schließlich in eine Regelung mündeten, die sich über viele Jahre bewährte und erst mit dem Umbau der Halle in die moderne Festhalle im Jahre 2000/01 modifiziert wurde.

Die Turn- und Festhalle blieb im Besitz der Gemeinde Hettenleidelheim, dem VfR wurden in einem notariellen Vertrag allerdings besondere Nutzungsrechte eingeräumt (Zustimmung bei der Auswahl des Hausmeisters; unentgeltliche Nutzung der Halle für Festveranstaltungen).

In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich im VfR ein reichhaltiges sportliches und gesellschaftliches Leben, das in der Teilnahme an zahlreichen Sport- und Turnfesten (Gau- Landes- und Bundesturnfeste) seinen Ausdruck fand. Daneben organisierte der Verein auch eine Vielzahl gesellschaftlicher Ereignisse, von Wanderungen bis hin zu den bis heute sehr beliebten Fastnachtsveranstaltungen.

Das 75. Stiftungsfest am 7. / 08.August 1954 wurde ebenso zu einem großen Dorffest wie die Feiern zum 80. und 85. Jubiläum der Vereinsgründung in den Jahren 1959 und 1964. Die vielfältigen Feierlichkeiten nahm der Vorstand auch immer wieder zum Anlass, verdiente Vereinsmitglieder für ihre langjährige Mitgliedschaft im Verein zu ehren.

Es waren auch die Mitglieder, die vielen freiwilligen Helfer, die 1971 ein neues Sportheim errichteten und 1973 einen Gastraum mit Nebenzimmer anbauten. Im gleichen Jahr zog die sogenannte „Einbahnfastnacht“ vom Gasthaus „Zum Kriegerhain“, dessen Räumlichkeiten nicht mehr zeitgemäß waren, in das neue VfR–Clubheim um. Das war der Beginn der inzwischen weit über „Hettrum“ hinausstrahlenden VfR–Fastnacht.

Was das Verhältnis zum ASV angeht, so wirkt die Spaltung von 1947/48 im Grunde – man möchte beinahe sagen – bis heute fort. Auch wenn weltanschauliche Gegensätze nicht mehr die Rolle spielen wie in früheren Zeiten, wurden in der Vergangenheit die unterschwelligen Spannungen zwischen den konkurrierenden Sportvereinen immer wieder spürbar. Mehrere nicht zuletzt von der politischen Gemeinde forcierten Versuche, die Sportvereine zu fusionieren, scheiterten. In der jüngsten Gegenwart hat sich das Verhältnis zwischen den beiden Sportvereinen allerdings spürbar entspannt; der gegenwärtige VfR-Vorstand ist sehr an einem guten Verhältnis interessiert; die Vergabe der Hallennutzungszeiten z.B., ein Streitpunkt, der seit dem 1999 erfolgten Übertritt des weitaus größten Teils der ASV-Handballabteilung zum VfR für Missstimmungen sorgte, den ASV sogar in eine teuere und aussichtslose gerichtliche Auseinandersetzung mit der letztlich über beide Hallen verfügenden Ortsgemeinde trieb, wird erfreulicherweise inzwischen einvernehmlich geregelt.

In den 50er Jahren entwickelte sich der Fußballsport immer mehr zur bevorzugten Sportart. Die Abteilung hatte enormen Zulauf, was sich in einer stetig steigenden Zahl von Jugend- und Erwaschenenmannschaften niederschlug. Der Erfolg blieb nicht aus: Von 1963 bis 1969 spielte die 1.Mannschaft des VfR sogar in der II. Amateurliga, damals die vierthöchste Klasse im deutschen Fußball (entspricht heute der Oberliga), für ein Dorf mit ca. 3000 Einwohnern ein sehr großer Erfolg. Auch wenn sich unser kleines Dorf auf Dauer nicht in dieser Spielklasse halten konnte, so bleibt diese Zeit doch unvergesslich. Die Jugendarbeit des VfR trug ebenfalls Früchte. Zwei Spieler haben in den 1970er Jahren gar den Sprung in die Bundesliga geschafft: Arno und Wolfgang Wolf!

Der „VfR-Turnverein Gut Heil 1879 e.V., Hettenleidelheim“  feierte vom 16. Juni – 24. Juni 1979 seinen 100. Geburtstag; im Dorf ein großes Ereignis. Die Festschrift zeugt von einer gut organisierten, aufwendigen Großveranstaltung, in der die Vereinsmitglieder ihre vielfältigen Aktivitäten vorstellten, sie zeugt auch von der Verbundenheit der Dorfbevölkerung mit dem Verein und der tiefen Verwurzelung des Vereins im Dorf.

Das dokumentieren auch die Mitgliederzahlen: Als der Verein 1947/48 wieder begründet wurde, schrieben sich 60 Mitglieder ein. Heute hat der VfR-Turnverein Gut Heil 1879 weit über achthundert Mitglieder, die aus einem sehr breit gefächerten Angebot an Aktivitäten auswählen können: Eltern–Kind–Turnen, Kinderturnen, Frauenturnen, Fußball, Handball, Theater, Tischtennis, Tennis, Theater, Wandern.

Das Engagement der Mitglieder erlaubte es auch den umfangreichen Erweiterungsbau des Vereinsheims in den Jahren 2000/01 voranzutreiben. Den vielen unentgeltlich tätigen Helfern sei an dieser Stelle nochmals für ihren beispielhaften Einsatz gedankt.

 

Literatur:

Karl Blum: Die Geschichte des VfR TV Gut Heil 1879 Hettenleidelheim. In: Festschrift zum 90jährigen Gründungsjubiläum des VfR-Turnverein Gut Heil 1879, Hettenleidelheim. Ludwigshafen / Hettenleidelheim 1969

Roland Happersberger: Der „Arbeiter-Turnverein“ Hettenleidelheim. Vor 100 Jahren entstanden – Politik- und Sozialgeschichte 1900 bis 1950. In: Heimat-Jahrbuch 2001 des Landkreises Bad Dürkheim. Haßloch 2000 (!), S. 285-293